Lade Veranstaltungen

« Alle Veranstaltungen

  • Diese Veranstaltung hat bereits stattgefunden.

Leib – Geschlecht – Eigentum

3. Juli um 19:30 bis 21:30

Mit der Vorstellung, dass „jeder Mensch“ ein „Eigentum an seiner eigenen Person“ habe, dass die „Arbeit seines Körpers und das Werk seiner Hände […] im eigentlichen Sinne sein Eigentum [sind]“, begründet John Locke die von Beginn an widersprüchliche Tradition des politischen und ökonomischen Liberalismus. Widersprüchlich ist diese Tradition nicht nur hinsichtlich ihrer bis heute offen sichtbaren Konsequenz, die darin besteht, dass der auf der Idee des autonomen Individuums gegründete liberale Gesellschaftsvertrag nicht so sehr die Freiheit und Gleichheit des Menschen verbürgt als vielmehr lediglich die Freiheit und Gleichheit des weißen männlichen besitzenden Menschen. Der liberale Gesellschaftsvertrag sichert bürgerliche Freiheit und Eigentumsverhältnisse auf der Grundlage systematisch verdunkelter und abgewerteter Voraussetzungen, denen wir im Rahmen eines philosophischen Gesprächsabends mit Dr. Tove Soiland und Prof. Thomas Bedorf nachgehen wollen.

Beide Gäste sind in Theorietraditionen beheimatet, die schon auf einer fundamentalen subjekttheoretischen Ebene einen Gegenstandpunkt zum liberalen Denken und Eigentumskonzept einnehmen und auf diese Weise einen Sachverhalt in Geltung setzten, der in der liberalen Tradition geradezu verdrängt wird. Sowohl die lacan-marxistische Tradition, vor deren Hintergrund Tove Soiland ihre profilierte feministische Kritik entwickelt, als auch die in Anschluss an Emmanuel Levinas alteritätstheoretisch gewendete Tradition der Phänomenologie, die als Grundlage von Thomas Bedorfs politischer Anerkennungstheorie fungiert, nehmen ihren Ausgangspunkt in der Annahme einer fundamentalen Verwiesenheit an und Angewiesenheit auf andere. Im Gegensatz zu Locke, der von einem unmittelbaren Eigentum am eigenen Körper spricht, weisen phänomenologische Leibtheorie und lacan-marxisitische Subjekttheorie darauf hin, dass schon das intime leibliche und geschlechtliche Selbstverhältnis nicht losgelöst von sozialen und ökonomischen (Macht-)Verhältnissen zu denken ist.

Eine in diesem Zusammenhang von Soiland fortlaufend bearbeitete Frage ist die, wie die Einbindung in und Reproduktion von geschlechtlich markierten Machtverhältnissen und Hierarchien genau zu denken ist. Diese Frage stellt sich heute um so dringlicher, als die spätkapitalistische Auflösung der patriarchalen Kleinfamilie, die Liberalisierung sexueller Verhaltensweisen und Rollenerwartungen keineswegs „in das gelobte Land feministischer Freiheit geführt hat“ (Soiland). Entsprechend entwickelt Soiland die These, dass die in den cultural studies entwickelte Machttheorie, in deren Umfeld sich auch die Queer-Theorie entfaltete, nicht hinreicht, um die Reproduktion gesellschaftlicher Verhältnisse zu erfassen und Strategien ihrer Veränderung zu entwerfen. Die auf eine Dekonstruktion normativer Identitätsfestschreibungen abzielende Strategie der cultural studies und Queer-Theorie stellt Soiland zufolge nicht hinreichend in Rechnung, dass die Auflösung fixer Identitätserwartungen geradezu ein Kennzeichen des spätkapitalistischen Produktions- und Subjektivierungsregimes ist. Mit Tove Soiland werden wir entsprechend die Frage erörtern, inwiefern es möglich ist und angesichts des veränderten Subjektivierungsregimes sogar geboten sein könnte, an der Kategorie Frau festzuhalten und inwiefern aus lacan-marxistischer Sicht die Geschlechterfrage auf intime Weise mit den beiden Schicksalsfragen der Moderne verbunden ist. Das ist die Frage nach den Gründen der skurrilen Beständigkeit kapitalistischer Selbst-, Fremd- und Naturausbeutung einerseits und die Frage nach den Bedingungen der wiedererstarkenden Anziehungskraft autoritärer und faschistischer Politiken andererseits.

Mit Thomas Bedorf werden wir fragen, welche (gebrochenen) Schemata (gelingender) Selbst- und Weltaneignung – die trotz aller Vorbehalte gegenüber herrschaftlichen Schließungen ein grundlegender Horizont emanzipatorischer Bestrebungen bleiben – die phänomenologische Tradition zu entwickeln vermag, wenn sie ihren Ausgangspunkt in der Annahme eines grundlegenden Selbstentzugs, einer fundamentalen Verwiesenheit und Entfremdung nimmt. Die großen phänomenologischen Themen des Wohnens, Einwohnens und Beiwohnens sollen daraufhin befragt werden, ob sie als Schemata geteilter Weltaneignung jenseits herrschaftlicher Verfügungsfantasien dienen können und wie sich diese Perspektiven zu Tove Soilands Denken der „sexuellen Differenz“ ins Verhältnis setzen.
————————————–
Moderation: Janne Ehlers und René Nicklisch
Begrenzte Teilnehmerzahl von 30 Personen: Voranmeldung über rene.nicklisch@studium.fernuni-hagen.de

Da die theoretischen Hintergründe Soilands und Bedorfs nicht gerade zum Allgemeinwissen gehören, können Hinweise auf kurze Einstiegstexte ebenfalls per Mail erfragt werden.

Die Veranstaltung ist eine Vorfeldveranstaltung der Eigentumskonferenz. Ein ausführliches Programm findet sich unter: https://augsburg.solidarity-city.eu/startseite/meins-die-eigentumskonferenz/

Die Veranstaltung findet statt in Kooperation mit dem Kurt Eisner Verein: www.facebook.com/kurteisner.verein

https://www.facebook.com/events/2258745234376784/

Details

Datum:
3. Juli
Zeit:
19:30 bis 21:30
Website:
https://www.facebook.com/events/2258745234376784/

Veranstaltungsort

Provino Club